18. April 2022 jannik

Angelika Paetow

Angelika Paetow. Angelika Paetow (geboren 1954 in Hamburg; gestorben am 16. April 2015 in Buchholz i.d. Nordheide1)) war eine Redakteurin des NDR, Autorin sowie Produzentin und leitete u.a. die Redaktionen der Fernsehserie "Hallo Spencer" und der deutschen Ausgabe der "Sesamstraße", zwei NDR-Formate, die die spätere Leiterin der Abteilung Kinder und Familie maßgeblich mitentwickelte.

Paetow hatte den Anspruch, dass Fernsehen für Kinder die gleichen Qualitätsmaßstäbe wie Fernsehen für Erwachsene haben muss. Sie hat maßgeblichen Anteil am lang anhaltenden Erfolg von Programmen wie der 'Sesamstraße‘' oder der 'Pfefferkörner'‘.

(Frank Beckmann2) über Angelika Paetow, April 20153))

Biographie

Angelika Paetow absolvierte ein Romanistik-Studium in ihrer Geburtsstadt Hamburg sowie ein Volontariat beim Carl-Hanser-Verlag, wo sie erste Erfahrungen als Übersetzerin sammelte, bevor sie 1975 in einem sechs-monatigen Praktikum als Redaktionsassistentin zum NDR kam. Sie assistierte dem damaligen Leiter der Arbeitsgruppe Sesamstraße Jürgen Weitzel und beaufsichtigte unter anderem die Synchronarbeiten für die deutsche Fassung der amerikanischen Serie im Studio Hamburg.

Der Sommer 1975 war heiß. Ich saß vier Wochen lang im kühlen Synchronstudio in Hamburg-Wandsbek und erlebte staunend, wie Gerd Duwner und Wolfgang Kieling als Ernie und Bert sich in atemberaubender Geschwindigkeit und Präzision vor dem Mikrofon wanden und kicherten, das ABC sangen oder die Tür als Schlagzeug bespielten. Die Faszination des professionellen, lehrreichen Irrsinns packte mich sofort.

(Angelika Paetow, Januar 20134))

Eigentlich wollte die 21-jährige praktische Erfahrungen beim Fernsehen sammeln, um zur Film- und Fernsehhochschule zu gehen, blieb schließlich jedoch als Redakteurin beim NDR, wo sie 1976 ihren späteren Kollegen und langjährigen Lebensgefährten Winfried Debertin kennenlernte. Sie war weiterhin für die Arbeitsgruppe Sesamstraße, die ursprünglich in einer Villa in der Hagedornstraße in Hamburg residierte und schließlich in den 9. Stock des neuen NDR-Hochhauses in Hamburg-Lokstedt zog, zuständig.

Die Redaktion der "Sesamstraße", 1980.

Schon zu Beginn ihrer Karriere war Paetow auch an der Produktion von deutschem Neumaterial, das bis 1978 30% der ansonsten synchronisierten Sesamstraßen-Folgen ausmachte, beteiligt. Sie visualisierte Konzepte, entwickelte Geschichten, übernahm Regie-Assistenzen und Komparsenrollen bei den Einspielerfilm-Dreharbeiten und stand im NDR-eigenen Trickstudio, um in Einzelbildschaltung Kopfpuppen über den Tricktisch zu schieben. Es wurde in allen Genres produziert und die unterschiedlichsten Themen waren möglich, einzige Beschränkung war stets die maximal fünf-minütige Dauer der Einspieler. Paetow arbeitete über 30 Jahre in der Redaktion der Sesamstraße und übersetzte zahlreiche Dialogbücher der amerikanischen Puppenszenen ins Deutsche. Als Mitte der 1980er Jahre die Tochter ihres Kollegen Armin Maiwald geboren wurde, kam sie auf die Idee, das Wachsen und die Fortschritte dieses kleinen Mädchens in sogenannten „Johanna kann…“-Filmen zu zeigen. Maiwald setzte diese Filme unter einigen Bedingungen gemeinsam mit seiner Frau und seinem Sohn sieben Jahre für die „Sesamstraße“ um. Als Autorin schrieb Paetow in den 1990er Jahren außerdem mehrere von Frantisek Chochola illustrierte Kinderbücher5), sowie später Hörspiele und Hörbücher für die „Sesamstraße“, deren Redaktionsleitung sie 2002 schließlich übernahm. Darüberhinaus entwickelte und produzierte sie die erfolgreiche NDR-Serie „Die Pfefferkörner“ und war als Leiterin der Abteilung Kinder und Familie u.a. auch Ausführende Produzentin der deutsch-australischen Fernsehserien „Blue Water High“ (2005) und „Emmas Chatroom“ (2010).

2008 erkrankte sie schwer und kehrte nach längerer Behandlung in ihre Programmabteilung zurück, zwei Jahre später ließ sie sich jedoch auf eigenem Wunsch in die Fernsehfilm-Abteilung des NDR versetzen und betreute zuletzt als Redakteurin die ARD-Nachmittagsserie „Rote Rosen“. Angelika Paetow starb am 16. April 2015 nach langer Krankheit in Buchholz i.d. Nordheide6).

Hintergrund zur Erfindung und Redaktion von "Hallo Spencer"

Angelika Paetow mit Nepomuk, 1978. Zusammen mit Winfried Debertin entwickelte sie in den späten 1970er Jahren die Sendung "Hallo Spencer", die ursprünglich eine deutsche Alternative zur „Sesamstraße“ darstellen sollte. Der amerikanische Einfluss der Sendung sei zu stark, meinten die Rundfunkanstalten im Jahr 1977: Eine eigens produzierte neue Puppenspiel-Serie für das deutsche Kinderfernsehen sollte vom NDR konzipiert werden. Schon im selben Jahr begannen die Dreharbeiten für ein völlig verändertes Konzept einer deutschen Sesamstraße mit im Studio Hamburg produzierten Rahmenhandlungen (damals „Einwickelgeschichten“ genannt). Bekannte Puppen wie z.B. Tiffy oder Samson wurden hierzu unter amerikanischer Aufsicht durch Kermit Love vom Sesame Workshop gebaut. „Hallo Spencer“ war dagegen eine ausschließlich deutsche und von den amerikanischen Produktionsfirmen unabhängige NDR-Produktion: Debertin baute 1978 die Figuren für die ersten Pilotfilme sowie für die ersten fünf Folgen und erprobte ihre Spielweisen gemeinsam mit Paetow. Im Herbst 1979 engagierte sie Peter Podehl als Drehbuchautor und Regisseur für die Staffeln ab 1980. Podehl und Paetow trafen sich einmal jährlich zu einem zwei-tägigen Brainstorming, um die Grundlagen für die Folgen des jeweils kommenden Produktionsjahres zu legen, die der Autor dann im Winter und Frühjahr verfasste, damit sie im Sommer produziert werden konnten.7) In Folge 81: Spencers Flötenzauber lieh die Redakteurin Galaktika beim Gesang von Mozarts Arie „Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen“ ihre Stimme.

Bis 1988 teilten sich Debertin und Paetow die Redaktion von „Hallo Spencer“. Als ihr Kollege und Partner den NDR verließ, um sich als Produzent selbstständig zu machen, führte sie die Redaktion bis Mitte der 1990er Jahre allein weiter. Die Spencer-Redaktion befand sich in Zimmer 1009 im 10. Stock des NDR Fernsehens in Hamburg-Lokstedt.

Blond, etwa 1,70 Meter groß, dezent geschminkt, blonder Pagenkopf – mit einem Wort: keine Märchentante aus irgendeiner Puppenkiste. Trotzdem spürt jeder Besucher die Allgegenwart von Spencer und seiner Crew in ihrem Büro. Poldi und Spencer sitzen ihrem Glasschreibtisch als Puppen gegenüber. Überall Szenenfotos, Bilder vom Team bei den Dreharbeiten, Zuschauerpost an der Pinnwand, Märchenbücher in den Regalen bis hin zu Requisiten aus vergangenen Folgen.

(Beschreibung aus dem Porträt „Ihre Ideen finden weltweit Zuschauer“ von 1990)

Mit dem Puppenspieler Joachim Hall arbeitete sie von 1979 bis 2009 für „Hallo Spencer“ sowie später für die „Sesamstraße“ ohne Unterbrechungen rund 30 Jahre zusammen.

Die Redakteure haben teilweise Einfluss genommen. (…) Besonders Angelika Paetow war dafür zuständig. Sie war eine starke Redakteurin. Kermit Love hat mir einmal gesagt: „Puppeteers should be suspicious with their editorial staff. They always want to correct your character.“ Man sollte immer vorsichtig mit der Redaktion sein, sie versucht immer wieder, den Charakter zu hinterfragen, vielleicht zu verändern. Dagegen hat man sich natürlich immer erstmal gewehrt, weil man ja froh war, dass man die Figur auf einem bestimmten Level hatte. Dann hat sich aber doch herausgestellt, (…) dass sie einfach runder und weicher geworden ist. Am Anfang, würd ich sagen, war Spencer ein ziemlicher Potenzprotz. Er war allmächtig, stark, rasend schnell (…), er hatte ein hohes Tempo. Und das haben wir versucht durchzuhalten, doch es hat sich herausgestellt, dass das beim Erzählen der Geschichten doch manchmal zu stark war. Und dann hat der sich ein bisschen verschliffen.

(Puppenspieler Achim Hall über Angelika Paetow, Juni 20168))

Bis 2011 wählte Paetow die Hallo Spencer-Folgen aus, die zuletzt wöchentlich am Sonntag um 7:30 Uhr im NDR Fernsehen gezeigt wurden. Die Redakteurin schätzte die Folgen 1-15 aus den Produktionsjahren 1979/80 als „zu unreif“ ein und vermied ihre Wiederholung bereits seit 1986. Sie wurden ebenfalls nie im KiKA ausgestrahlt. Seit April 2011 ist die Serie nicht mehr im regelmäßigen Programm des Senders vorgesehen.

Andere Projekte (nach "Hallo Spencer")

1999 entwickelte sie u.a. mit ihrem langjährigen Kollegen Wolfgang Buresch die erfolgreiche NDR-Serie „Die Pfefferkörner“, deren Redaktion sie bis 2008 leitete. Bereits 2006 erfolgte die Erfindung der in Lüneburg produzierten Telenovela „Rote Rosen“, welche sie ebenso wie diverse vom NDR produzierte Zoo-Dokus bis an ihr Lebensende „mit Herz und Seele“9) verantwortete. Im November 2011 saß sie zudem in der Jury des NDR Spielfilmpreises und zum 40-jährigen Jubiläum der deutschsprachigen „Sesamstraße“ schrieb sie im Januar 2013 einen Artikel über die Entstehung der beliebten Serie, welche Spencer entgegen der Erwartungshaltung seitens ihrer Redaktion in den frühen 1980er Jahre schließlich überlebte.

Privatleben

Paetow lebte zuletzt in Hollenstedt10), wo sie nach ihrem Tod 2015 beerdigt wurde. Sie war eine ehemalige Lebensgefährtin des Fernsehproduzenten Winfried Debertin.11)

2010 ließ sie sich auf eigenem Wunsch in die Fernsehfilm-Abteilung des NDR versetzen, um jeden „Anschein einer Vermischung von privaten und beruflichen Belangen“ zu vermeiden, wie sie offiziell begründete, als im Zuge einer Prüfung durch die NDR-Revision, die der Sender im Herbst 2009 veranlasste, aufflog, dass ihr ehemaliger Partner Debertin bereits bezahltes Altmaterial in von PentaTV produzierte Hallo Spencer-Folgen gemischt habe, sowie Folgen, deren Rechte, wie der Sender 2011 bestätigte, beim NDR lägen, an EM.TV verkauft habe.12)

Sie war die jüngere Schwester der langjährigen WDR-Redakteurin und Autorin Monika Paetow (*1944-†2018), die u.a. zum Team der Erfinder der "Sendung mit der Maus" gehörte und unzählige Fernsehproduktionen und Serien redaktionell entwickelte, darunter auch „Lemmi und die Schmöker“ unter der Regie von Peter Podehl.

Weiterführende Artikel

1) , 6) , 10)
im Landkreis Harburg
2)
NDR-Programmdirektor Fernsehen
3)
Quelle: ndr.de
4)
in ihrem Artikel „Start für die Sesamstraße“ zum 40-jährigen Jubiläum der deutschen Ausgabe, Quelle: ndr.de
5)
erschienen im Tessloff Verlag
7)
Vgl. Podehl, Peter: „Deutsch lernen wie die kleinen Kinder“, veröffentlicht von Claudia Podehl auf peterpodehl.com
8)
im Interview mit Julian Schlichting
9)
Zitat Frank Beckmann in ihrem Nachruf auf ndr.de
11)
Vgl. Renner, Kai-Hinrich: „Medienmacher. Gruner + Jahr ist wohl schon bald kein Druckhaus mehr“, erschienen im Hamburger Abendblatt am 30.04.2011.